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Naher Osten: Das Vorurteil vom Pulverfass

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Es ist Januar 2011. Ich sitze im Büro in Saudi Arabien. Neben mir sitzt ein Kollege aus Deutschland und wir kommen ins Gespräch. Es geht um die monatliche Ausreise, um das Visa zu erneuern; unser Visa-Run. Nicht, dass wir wegrennen wollen. Nein. Wir müssen nur mal eben einen kleinen Marathon über die Grenze und zurück machen. Visaregeln sind schon was schönes. Da kommt man wenigstens mal raus und kann die Welt erkunden.

Brücke im Libanon

Wir sind es mittlerweile schon gewöhnt, uns ein neues Reiseland jeden Monat herauszusuchen. Mein Kollege schlägt mir den Libanon vor. Ich war schon dort und würde gerne wo anders hin, aber zusammen teilen sich die Kosten und es ist nicht so anstrengend; ein Wochenendeausflug in ein neues Land, über dem jedes mal wieder zu Hause die Vorurteile wie Geier über unseren Köpfen kreisen. Ich bin es langsam gewöhnt, mir einfach den Freiraum zu nehmen und drauf los zu reisen. “Gefahr” hin oder her. Das Auswärtige Amt warnt hier und dort, lässt Terroranschläge so wahrscheinlich erscheinen wie ein Clown zum Kindergeburtstag. Es warnt vor Trickbetrügern, als würde jedes Land diese in Scharen ausbilden und auf den einsamen unvorsichtigen Touristen losschicken. Dieses Spiel mit dem Gewissen ist bei mir schon eine Routine geworden. Natürlich lese ich mir die Informationen durch, natürlich lesen sich Freund und Familie diese Texte durch, natürlich kommen die Nachrichten jeden Tag und jede Stunde im Radio und Fernsehen, natürlich bin ich nicht lebensmüde.

Die Nachrichten aus dem Libanon erreichen uns in Saudi Arabien genauso wie in Deutschland. In Deutschland erwischen sie die Freundin meines Kollegen härter und unerbittlicher, als wir uns das vorgestellt haben. Die Nachrichten legen einen schwarzen Schleier über den Libanon. Was auch immer passierte, die Medien nehmen es zum Anlass, den Nahen Osten in einen großen Kübel zu gießen, den Mixer anzuschalten und einen schwarzen Farbtopf in den undurchsichtigen und verworrenen Kauderwelsch der Nachrichten zu werfen. Das Ergebnis ist eine Art Schwarzpulver für Beziehungen. Mein Kollege berichtet mir einige Tage später von seinem Telefonat nach Hause. Die “Gefahr” ist einfach zu groß für ihn, in ein Land zu reisen, das ich erst einige Monate zuvor bereist habe und dessen Situation sich meiner Meinung nach kaum verändert hat. Meine persönliche Einschätzung und die Einschätzung von befreundeten Libanesen zählen nicht mehr. Die Reise ist an der Heimatfront der Vorurteile explodiert. Für ihn. Er sagt kurzerhand ab.

Für mich heißt es nun ein neues Reiseland zu finden. Ich reise ungerne zweimal in das gleiche Land, wenn ich noch andere Optionen habe. Ich wähle also Syrien. Hier hole ich mir die Informationen von einem Kollegen, der erst kurz zuvor im Land war. Ich mache mir keine Sorgen um meine Sicherheit und freue mich, das Land kennenzulernen. Syrien wird für mich am Ende eins der freundlichsten und offensten Länder werden, die ich bis dahin bereist habe. Die schrecklichen Ereignisse, die einige Tage nach meiner Reise beginnen und bis heute anhalten, machen es aber heute unmöglich in das Land zu reisen.

Es ist das für mich am besten dokumentierte Ereignis, welches durch den Einfluss von Medien zusammen mit der allgemeinen Grundstimmung Vorurteile gegen ein Land und eine Region aufbaut. Das Gefühl, manipuliert zu werden, ist aber bei jeder Reise vorhanden. Ein Blick in die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes schüren zu fast jedem Land unhaltbare Ängste. Dabei meinen sie es nur gut und bleiben auf der sicheren Seite. Vor jedem muss gewarnt werden. Ein wenig Menschenverstand und eine positive Grundstimmung und es ist gar nicht so schlimm. Oder wie würdest du Dresden einschätzen? Die USA haben für eine Weile eine Reisewarnung veröffentlicht, die vor Reisen in die Stadt warnte. Ich habe sie ehrlich gesagt nie so gefährlich empfunden.

Dieses Wissen zu haben, hilft schon mal, sich ein Bild von einem Land zu machen. Die Medien zeichnen selbst noch ein Bild, was meist sehr überspitzt dargestellt und auf ein ganzes Land oder eine Region projeziert wird. Aber wer kann eine Situation besser einschätzen als Menschen vor Ort? Meine Vorurteile werden ersetzt durch ihre Realität; eine Realität, der ich mehr vertraue als Medien; eine Realität, die wahre Anteile in die Medien durchlässt; eine Realität, die mehr zählt und zumindest meine Ängste verschwinden lässt.

Es ist der tägliche Kampf gegen Vorurteile und deren Konsequenzen. Ich erlebe es häufig, dass Menschen sich freuen, wenn ich über ihr Land positiv berichten kann und ihnen nicht die üblichen Sätze zum “Pulverfass Naher Osten” entgegen treten.

Ich als Reisender sehe mich in einer Teilverantwortung, die Vorurteile einzudämmen und mit Realität zu kontern. Der Spiegel ist die beste Waffe!

Blogparade Vorurteile

Dieser Artikel ist Teil der “Blogparade zu Vorurteilen: Was sind deine Aha-Momente?” von Oliver auf Sinograph. Weitere lesenswerte Artikel sind zum Beispiel “Von Geldbäumen und anderen Vorurteilen beim Reisen” von Corinna und “Bilder im Kopf” von Sabine.

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